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Klimaziele und globale Temperatur

Das 1,5°-Ziel: Was steckt eigentlich dahinter?

Fast jeder hat schon vom 1,5°-Ziel gehört. Aber 1,5 °C im Vergleich wozu? Und wie lässt sich die Temperatur der ganzen Erde überhaupt bis 1850 zurückverfolgen?

Was steckt eigentlich hinter den Klimazielen? Woher stammen die Messdaten, und was sagen sie über die tatsächliche Erwärmung der Erde aus? Ein Blick auf die Zahlen und die Wissenschaft dahinter, ganz ohne Drama.

Die Entstehung

Erst 2°, dann 1,5 °C

Im Wetterbericht sind 10° Unterschied nichts Ungewöhnliches. In der Klimapolitik wird dagegen seit Jahren über ein halbes Grad diskutiert. Warum gerade diese Zahlen?

Die Idee einer Temperaturgrenze entstand nicht erst 2015. Schon Jahrzehnte zuvor untersuchten Wissenschaftler, wie viel Erwärmung das Klimasystem verkraften könnte. 1992 einigten sich die Staaten in der UN-Klimarahmenkonvention auf das grundsätzliche Ziel, eine gefährliche menschliche Störung des Klimas zu verhindern. Eine konkrete Gradzahl stand dort noch nicht.

2010: 2° und die Frage nach weniger

Bei der Klimakonferenz in Cancún 2010 wurde das Ziel festgehalten, den globalen Temperaturanstieg unter 2 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit zu halten. Im selben UN-Beschluss wurde bereits geprüft, ob dieses Ziel auf 1,5 °C verschärft werden sollte.

Vor allem kleinere Inselstaaten drängten darauf. Für sie sind steigende Meeresspiegel keine abstrakte Zahl: Auf flachen Inseln können schon zusätzliche Zentimeter über die Häufigkeit von Überflutungen und den Zugang zu Trinkwasser mitentscheiden.

2015: Paris legt beide Ziele fest

Am 12. Dezember 2015 wurde das Pariser Klimaabkommen beschlossen.

Darin steht:
Die Erwärmung soll auf deutlich unter 2 °C begrenzt werden. Gleichzeitig sollen Anstrengungen unternommen werden, sie auf 1,5 °C zu beschränken.

Die 1,5 °C wurden also nicht später dazugedichtet. Beide Ziele stehen seit 2015 im Abkommen. Der IPCC-Sonderbericht von 2018 untersuchte dann genauer, was zwischen 1,5 und 2 °C an zusätzlichen Risiken liegt.

Was wird verglichen?

1,5°, aber wo eigentlich?

Die Zahl beschreibt keine Temperatur an einem bestimmten Ort und auch keinen besonders heißen Sommer. Gemeint ist, um wie viel sich die langfristige Durchschnittstemperatur der gesamten Erdoberfläche gegenüber einer früheren Zeit verändert hat.

Das wird leicht missverstanden. Denn wenn die globale Erwärmung 1,5 °C beträgt, sind nicht überall auf der Welt genau 1,5 °C dazugekommen.

Die Meere verändern den Durchschnitt

Rund 71 Prozent der Erde sind von Wasser bedeckt. Die Meeresoberflächen erwärmen sich im Durchschnitt langsamer als die Luft über Land: Wasser speichert viel Wärme und transportiert sie auch in tiefere Schichten. Auf den Kontinenten ist der Temperaturanstieg deshalb meist deutlich stärker, besonders ausgeprägt in der Arktis.

Für das Klimaziel zählt aber nicht nur das Land, auf dem wir leben. Entscheidend ist die kombinierte Entwicklung von Land und Meer. Genau das zeigen die globalen Messreihen, die ich auch in der Klimachronik verwende.

Der Ausgangspunkt

Warum ausgerechnet 1850 bis 1900?

Wenn vom 1,5°-Ziel die Rede ist, gehört eigentlich immer ein zweiter Zusatz dazu: gegenüber der vorindustriellen Zeit. Nur ist "vorindustriell" kein Datum im Kalender.

Die Industrialisierung setzte in manchen Ländern bereits im 18. Jahrhundert ein. Aus dieser Zeit gibt es auch Wetteraufzeichnungen, aber für weite Teile der Erde fehlen sie. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Datenlage für eine globale Auswertung einigermaßen brauchbar.

Der Weltklimarat verwendet deshalb den Durchschnitt von 1850 bis 1900 als Annäherung an die vorindustrielle Temperatur. Das ist nicht die vollkommen unberührte Welt vor jeder Industrialisierung, sondern ein wissenschaftlich brauchbarer Vergleichszeitraum.

Warum findet man dann oft 1961 bis 1990?

Wer über historische Temperaturdaten hört oder liest, stößt häufig auf die Jahre 1961 bis 1990. Dahinter steckt eine sogenannte Klimanormalperiode. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) verwendet dafür Zeiträume von 30 Jahren, um kurzfristige Wetterschwankungen auszugleichen und Temperaturen weltweit vergleichbar zu machen.

1961 bis 1990 war lange eine solche Standardperiode. Auch HadCRUT5 verwendet sie bis heute, unter anderem weil aus dieser Zeit besonders viele Messungen vorliegen.

Heute gilt 1991 bis 2020 als aktuelle Standardperiode, während 1961 bis 1990 weiterhin für langfristige Klimavergleiche verwendet wird.

Hier muss man zwei Dinge auseinanderhalten: den Messwert und seinen Nullpunkt.

Ein einfaches Beispiel:
Beträgt der Durchschnitt 10 °C und später werden 11 °C gemessen, ist die Abweichung +1 °C. In der Klimaforschung heißt das Temperaturanomalie. Das ist keine Fehlmessung, sondern schlicht die Differenz zu einem festgelegten Vergleichswert.

Allerdings war es zwischen 1961 und 1990 bereits wärmer als zwischen 1850 und 1900. Wer die späteren Jahre als Nullpunkt verwendet, erhält deshalb kleinere Abweichungszahlen. Die Messungen sind nicht falsch, aber man darf sie nicht ohne Umrechnung mit dem Pariser Klimaziel vergleichen.

In der globalen Klimaanalyse der Klimachronik stelle ich die Daten deshalb auf 1850 bis 1900 um. Die Temperaturen selbst ändern sich dadurch nicht. Nur die Stelle, an der die Nulllinie liegt.

Gut zu wissen: Im Pariser Abkommen stehen keine konkreten Jahreszahlen für "vorindustriell". 1850-1900 ist der in der Klimaforschung gebräuchliche Vergleichszeitraum. Grundlage dafür ist unter anderem die Bewertung des Weltklimarats.

Hinter den Zahlen

Wie misst man die Temperatur der ganzen Erde seit 1850?

Ein weltweites Thermometer gibt es natürlich nicht. Heute sind unzählige Messstationen, Schiffe und Bojen unterwegs. Aber 1850? Da gab es keine Satelliten, keine automatische Datensammlung und große weiße Flecken auf der Wetterkarte.

Für die globale Auswertung nutze ich HadCRUT5. Hinter dem Datensatz stehen das britische Met Office Hadley Centre und die Climatic Research Unit der University of East Anglia. Sie kombinieren zwei unterschiedliche Arten von Temperaturmessungen.

Über Land: Wetterstationen und alte Aufzeichnungen

Die Landtemperaturen stammen aus dem Datensatz CRUTEM5. Für die aktuelle Version wurden über 10.000 Wetterstationsreihen geprüft; knapp 8.000 davon gingen in das weltweite Raster ein. Um 1900 gab es schon mehr als 2.000 verfügbare Stationen, in den 1850er-Jahren aber noch sehr wenige.

Ein Blick in das Klimadatenarchiv der Universität Graz zeigt, wie solche frühen Aufzeichnungen aussahen. Da wurden Temperaturen noch handschriftlich in Tabellen eingetragen. Ein Stück Papier, das heute plötzlich für die Klimaforschung interessant ist.

Handschriftlicher Klimabogen der Universität Graz vom Juli 1894 mit historischen Temperaturbeobachtungen
Ein Klimabogen der Universität Graz von 1894. Solche Archive zeigen, woher ein Teil unseres Wissens über frühere Temperaturen stammt. Das Bild belegt nicht, dass genau dieser Bogen in HadCRUT5 verwendet wurde, jedoch kann ich sagen, dass diese Daten von der Geosphere Austria in digitaler Form bereitgesellt werden.

Die Messungen lassen sich allerdings nicht einfach ungeprüft nebeneinanderstellen. Stationen wurden verlegt, Messgeräte ausgetauscht, Orte sind gewachsen. Solche Veränderungen können eine Messreihe beeinflussen.

Deshalb werden die Daten laufend geprüft und, wo nötig, wissenschaftlich begründet korrigiert. Schließlich bilden sie eine wichtige Grundlage für weitreichende Entscheidungen. Neben HadCRUT5 veröffentlichen auch NASA, NOAA und Berkeley Earth eigene Temperaturreihen. Trotz unterschiedlicher Methoden zeigen alle einen deutlichen Erwärmungstrend, bei vergleichsweise geringen Abweichungen zueinander. Die Daten und Methoden sind weitgehend öffentlich zugänglich und unabhängig überprüfbar.

Auf dem Meer: Früher ein Eimer, heute eine Boje

Für die Meeresoberfläche gibt es einen eigenen Datensatz: HadSST4. Besonders bei den frühen Messungen wird es interessant. Seeleute schöpften Meerwasser mit Eimern an Bord und ermittelten dann die Temperatur. Später wurde häufiger das Kühlwasser von Schiffsmotoren verwendet. Heute kommen vor allem Messungen von Schiffen und fest verankerten oder treibenden Bojen hinzu.

Das klingt nach einer ziemlich bunten Mischung. Ist es auch. Wasser im Eimer kann sich abkühlen, Motoren beeinflussen Messungen, und die Schiffe fuhren früher nicht gleichmäßig über alle Ozeane. All diese Unterschiede müssen bei der Auswertung berücksichtigt werden. Ein wichtiger historischer Datenbestand dafür ist ICOADS, eine Sammlung internationaler Meeresbeobachtungen.

Und wie wird daraus ein globaler Durchschnitt?

Einfach sämtliche Stationswerte addieren wäre keine gute Idee. Europa hat viel mehr Wetterstationen als manche Regionen Afrikas. Dann würde die Anzahl der Thermometer den Durchschnitt mitbestimmen.

Statt alle Messwerte einfach zusammenzurechnen, teilen Wissenschaftler die Erde in ein regelmäßiges Raster ein. HadCRUT5 verwendet Felder von 5 x 5 Grad.

Zum Vergleich:
In Österreich entsprechen 5° x 5° ungefähr 550 x 400km. Wie groß ein Feld tatsächlich ist, hängt von seiner geografischen Lage ab.

Für jedes Feld werden die vorhandenen Temperaturabweichungen zusammengefasst. Daraus entsteht ein globaler Durchschnitt, bei dem die tatsächliche Fläche der einzelnen Felder berücksichtigt wird.

Ein Problem bleibt:
Wo früher niemand gemessen hat, fehlen allerdings Daten. HadCRUT5 bietet deshalb auch eine Version, die solche Lücken mithilfe statistischer Schätzungen ergänzt. Um die Unsicherheit zu berücksichtigen, werden 200 leicht unterschiedliche, plausible Berechnungen durchgeführt. Das nennt man ein Ensemble. In der Klimachronik verwende ich dafür den Datensatz Ensemble mean, also den Durchschnitt aller 200 Berechnungen. Es geht dabei um die Genauigkeit der historischen Temperaturwerte, nicht um Zukunftsprognosen.

Wer aktualisiert diese Zahlen?

Neue Monate kommen regelmäßig dazu. Außerdem werden ältere Werte verbessert, etwa wenn zusätzliche Archivdaten auftauchen oder Messmethoden genauer berücksichtigt werden können. Im September 2026 erschien HadCRUT5.2.0.0. Deshalb können sich auch historische Werte zwischen zwei Datenversionen etwas unterscheiden.

HadCRUT5 ist übrigens nicht die einzige globale Auswertung. Auch NASA GISTEMP, NOAA GlobalTemp und Berkeley Earth berechnen globale Temperaturreihen. Der europäische Dienst Copernicus nutzt außerdem die ERA5-Reanalyse, die Beobachtungen mit Wettermodellen verbindet. Die Methoden unterscheiden sich, der langfristige Erwärmungstrend ist aber in allen gut zu erkennen.

Eigene Aufbereitung

Die globale Temperatur in der Klimachronik

Die normalen Temperaturansichten der Klimachronik zeigen meine Aufbereitung offizieller Stationsdaten aus den eingebundenen Ländern. Für die ganze Erde reicht das natürlich nicht aus, schon gar nicht für die Ozeane.

Die globale Ansicht verwendet deshalb die veröffentlichten HadCRUT5-Daten direkt. Ich rechne nicht selbst Tausende historische Wetterstationen zu einer neuen Weltkurve zusammen, sondern bereite die wissenschaftlichen Reihen für die Darstellung auf. Die Umstellung des Nullpunkts auf 1850 bis 1900 erfolgt für jeden Kalendermonat einzeln.

Eine Kurve von 1850 bis heute

HadCRUT5: Monatliche globale Temperaturabweichungen von 1850 bis 2026 mit Markierungen für 1,5 und 2 °C Erwärmung
Globale Monatswerte nach HadCRUT5, bezogen auf 1850-1900. Die 1,5°- und 2°-Linien helfen bei der Orientierung, sind aber keine Grenzwerte für einzelne Monate.

Die Kurve zeigt keine gleichmäßige Gerade nach oben. Es gibt warme und kühle Ausschläge, einzelne ungewöhnliche Jahre und längere Phasen. Ab den 1970er-Jahren fällt der Anstieg aber deutlich auf. Kurzfristige Schwankungen, etwa durch El Niño oder Vulkanausbrüche, ändern nichts am langfristigen Verlauf.

Land und Meer getrennt betrachtet

Spannend wird der Vergleich der Land- und Meerestemperaturen: Die Kontinente haben sich im Mittel viel stärker erwärmt als die Meeresoberfläche. Die beiden Linien erklären, warum eine globale Zahl nicht einfach auf Österreich oder ein anderes Land übertragen werden kann.

CRUTEM5: Globale Temperaturentwicklung über Land von 1850 bis 2026
CRUTEM5: Lufttemperatur über Land.
HadSST4: Temperaturentwicklung der Meeresoberfläche von 1850 bis 2026
HadSST4: Temperatur an der Meeresoberfläche. Beide Reihen beziehen sich auf denselben historischen Nullpunkt.

Wichtig: Die auf den beiden Einzeldiagrammen sichtbaren 1,5°- und 2°-Markierungen dienen nur zur Orientierung. Für die Bewertung des Pariser Ziels zählt die kombinierte globale Land-Meer-Kurve von HadCRUT5.

Vier Augustmonate auf der Weltkarte

Zur Zeitreihe habe ich Weltkarten aus den monatlichen HadCRUT5-Rasterdaten erstellt. Für einen Vergleich habe ich vier Augustmonate gewählt: 1900, 1950, 2000 und 2026. Alle mit derselben Farbskala. So wird sichtbar, wo die Abweichungen besonders deutlich ausfallen.

Platzhalter für die globale HadCRUT5-Temperaturkarte im August 1900
August 1900
Platzhalter für die globale HadCRUT5-Temperaturkarte im August 1950
August 1950.
Platzhalter für die globale HadCRUT5-Temperaturkarte im August 2000
August 2000
HadCRUT5-Weltkarte der Temperaturabweichungen im August 2026
August 2026. Die Karte stammt aus der vorhandenen HadCRUT5-Auswertung der Klimachronik.

Einordnung der Karten: Das sind einzelne Augustmonate, keine langjährigen Mittelwerte. Die Karten verwenden eine gemeinsame globale Monatsreferenz für 1850-1900.


Die Grafiken sind für mich vor allem eine Ergänzung zur langen Temperaturkurve. Sie machen den räumlichen Unterschied sichtbar, während die Zeitreihe besser zeigt, ob eine Entwicklung über Jahrzehnte anhält. Wie die Klimachronik diese Ansichten berechnet, beschreibe ich ausführlicher in der Klimaanalyse.

Ein halbes Grad Unterschied

Was verändert sich durch die Erwärmung?

Das klingt nach wenig: 1,5 statt 2°. Nur geht es hier nicht um einen einzelnen Tag, sondern um zusätzliche Wärme im gesamten Klimasystem. Und die wirkt sich regional sehr verschieden aus.

Einige Veränderungen sind bereits messbar, andere betreffen mögliche Entwicklungen bei weiterer Erwärmung. Die Tabelle fasst die wichtigsten Zusammenhänge zusammen, ohne zu behaupten, dass sie überall im gleichen Ausmaß auftreten.

Veränderung Stand Mögliche Auswirkungen Konkretes Beispiel im Alltag Quelle
Hitzewellen werden häufiger und intensiver. Bereits beobachtet Mehr hitzebedingte Erkrankungen und Todesfälle, steigender Kühlbedarf und Belastung des Gesundheitssystems. Eine ältere Person kann ihre Wohnung im Sommer kaum noch ausreichend abkühlen. Das Gesundheitsrisiko steigt. IPCC AR6, WG II
Heiße Nächte werden in vielen Regionen häufiger. Bereits beobachtet Weniger nächtliche Abkühlung, schlechtere Erholung und zusätzliche gesundheitliche Belastung. Die Wohnung bleibt nachts über 25 °C warm. Erholsamer Schlaf wird schwieriger, besonders in Städten. IPCC AR6, WG I
Starkregen wird in vielen Regionen intensiver. Bereits beobachtet Mehr lokale Überschwemmungen, überlastete Kanalisation und Schäden an Gebäuden und Infrastruktur. Bei einem kurzen, heftigen Gewitter kann Wasser in Keller und Garagen eindringen, selbst abseits großer Flüsse. IPCC AR6, WG I
Dürre und Bodentrockenheit nehmen in manchen Regionen zu. Regional bereits beobachtet Wasserknappheit, Ernteausfälle, Waldschäden und steigender Bewässerungsbedarf. Gemeinden können den Wasserverbrauch einschränken, Landwirte müssen häufiger bewässern. Fallen Ernten wegen der Trockenheit schlechter aus, können Lebensmittel im Supermarkt knapper und teurer werden. IPCC AR6, WG I
Gletscher verlieren weltweit an Masse. Bereits beobachtet Veränderte Wasserabflüsse und langfristig weniger Schmelzwasser in manchen Einzugsgebieten. Flüsse, die stark von Gletschern gespeist werden, können im Sommer langfristig weniger Wasser führen. Das betrifft auch Landwirtschaft und Wasserkraft. IPCC AR6, Gebirgsregionen
Schneedecken werden in vielen Gebirgsregionen dünner und liegen kürzer. Bereits beobachtet Veränderte Wasserspeicherung, frühere Schneeschmelze und Auswirkungen auf den Wasserhaushalt von Flüssen und Böden. Weniger Schnee bedeutet auch weniger gespeichertes Wasser. Dadurch kann im Frühjahr mehr Wasser abfließen, während es im Sommer für Landwirtschaft und Wasserkraft fehlen kann. IPCC AR6, Gebirgsregionen
Permafrost, also dauerhaft gefrorener Boden, taut zunehmend auf. Bereits beobachtet Instabilere Hänge, mögliche Felsstürze und Schäden an hochalpiner Infrastruktur. Straßen, Bahnstrecken und ganze Siedlungen sind gefährdet. Gebäude müssen gesichert und Verkehrswege gesperrt werden. IPCC AR6, Gebirgsregionen
Der Meeresspiegel steigt weltweit. Bereits beobachtet; weiterer Anstieg erwartet Häufigere Küstenüberflutungen, Erosion und Versalzung von Böden und Grundwasser. Menschen verlieren ihre Häuser und ihre Lebensgrundlage, in besonders gefährdeten Gebieten kann langfristig sogar eine Umsiedlung notwendig werden. IPCC AR6, Synthese
Hitzewellen im Meer werden häufiger. Bereits beobachtet Belastung von Meereslebewesen, Korallenbleiche und Veränderungen von Fischbeständen. Steigende Meerestemperaturen können Fischbestände zurückgehen lassen, wodurch Fisch und Meeresfrüchte knapper und teurer werden und die Nahrungsversorgung langfristig beeinträchtigt wird. IPCC AR6, WG I
Ozeane versauern durch die Aufnahme von CO₂. Bereits beobachtet Schwierigerer Aufbau von Kalkschalen und Korallenskeletten; Belastung mariner Ökosysteme. Die Versauerung der Meere schädigt Korallenriffe und andere Meereslebewesen. Dadurch können ganze Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten, mit langfristigen Folgen für die Fischbestände, den Tourismus und die Küstenregionen. IPCC, 1,5°-Bericht
Die Eismassen an Nord- und Südpol verändern sich und gehen teilweise zurück. Bereits beobachtet; weiterer Rückgang erwartet Weniger Eis bedeutet mehr dunkle Meeresfläche, die Sonnenwärme aufnimmt, statt sie zu reflektieren. Dadurch verstärkt sich die Erwärmung zusätzlich. Die Eisschmelze ist u.a. ein Erwärmungsboost: Je mehr Eis verschwindet, desto mehr Wärme wird aufgenommen, wodurch die Temperaturen weiter steigen und noch mehr Eis schmilzt. IPCC, 1,5°-Bericht
Waldbrandgefahr nimmt in manchen Regionen zu. Regional bereits beobachtet; weitere Zunahme erwartet Höhere Brandgefahr, Schäden an Wäldern und Gebäuden sowie Belastung durch Rauch. Waldbrände können ganze Siedlungen bedrohen, Häuser zerstören und Menschen zur Evakuierung zwingen. Auch weit entfernte Regionen können durch Rauch gesundheitlich belastet werden. IPCC AR6, WG I
Wälder geraten durch Hitze und Trockenheit stärker unter Stress. Regional bereits beobachtet Mehr Baumsterben, erhöhte Anfälligkeit für Schädlinge und Verlust wichtiger CO₂-Speicher. Bei Waldbränden wird zusätzlich ein Teil des gespeicherten CO₂ wieder freigesetzt. Brennholz wird langfristig knapper. Das kann die Heizkosten erhöhen. Gleichzeitig gehen wichtige Erholungsräume und Schutzwälder verloren. IPCC AR6, WG II
Landwirtschaftliche Erträge verändern sich durch Hitze, Trockenheit und Extremwetter. Bereits beobachtet; weitere Veränderungen erwartet Ernteverluste in gefährdeten Regionen, veränderte Anbaubedingungen und mögliche Preissteigerungen. Andere Regionen können zeitweise profitieren. Schlechte Ernten bei Getreide, Obst oder Gemüse können das Angebot verringern und Lebensmittel verteuern. IPCC AR6, WG II
Pollensaisonen verschieben und verlängern sich bei manchen Pflanzen. Bereits beobachtet; weitere Veränderungen erwartet Längere Belastung durch allergieauslösende Pollen und teilweise stärkere Beschwerden. Menschen mit Heuschnupfen können früher im Jahr Symptome bekommen oder länger unter Pollen leiden. EEA, Pollen und Klima
Zecken und bestimmte Stechmücken verändern ihre Verbreitungsgebiete und Aktivitätszeiten. Regional bereits beobachtet; weitere Ausbreitung möglich Veränderte Risiken für durch Zecken oder Mücken übertragene Krankheiten, abhängig von der Region. In manchen europäischen Gebieten können bisher seltene Stechmücken und die von ihnen übertragenen Krankheiten häufiger auftreten. EEA, Infektionskrankheiten
Wasserabflüsse von Flüssen verändern sich, besonders in Gebirgsregionen. Regional bereits beobachtet; weitere Veränderungen erwartet Verschobene saisonale Wasserverfügbarkeit und mögliche Auswirkungen auf Wasserkraft, Bewässerung und Versorgung. Ein Wasserkraftwerk kann in trockenen Monaten weniger Strom erzeugen, während zu anderen Jahreszeiten mehr Wasser verfügbar ist. IPCC AR6, Gebirgsregionen

Einordnung: Nicht alle Veränderungen treten überall gleichermaßen auf. Die konkreten Beispiele zeigen mögliche Folgen für Menschen, keine Vorhersage für einen bestimmten Ort. Wie stark sich eine Veränderung auswirkt, hängt auch von regionalen Bedingungen und vorhandenen Schutzmaßnahmen ab.

Was bringt es, bei 1,5 statt 2° zu bleiben?

Der IPCC hat dazu einige greifbare Beispiele veröffentlicht. Tropische Warmwasserkorallen könnten bei 1,5 °C bereits um 70 bis 90 Prozent zurückgehen, bei 2 °C um mehr als 99 Prozent. Ein praktisch eisfreier arktischer Sommer wäre bei 1,5 °C im Mittel etwa einmal pro Jahrhundert zu erwarten, bei 2 °C mindestens einmal pro Jahrzehnt.

Auch beim Meeresspiegel macht sich das zusätzliche halbe Grad bemerkbar. Bis 2100 wäre der Anstieg bei 1,5 °C nach dem IPCC-Sonderbericht von 2018 ungefähr zehn Zentimeter geringer als bei 2 °C. Das verhindert nicht jeden Schaden, kann für niedrige Küsten aber einen spürbaren Unterschied machen.

Und in den Alpen?

Hier ist die Erwärmung stärker als im globalen Durchschnitt. An den Gletschern lässt sich das besonders gut verfolgen: Ihre Masse schwindet, und damit verändert sich auch die Wasserspeicherung im Gebirge. Was das bei einzelnen Gletschern bedeutet, zeige ich im Beitrag über die Gletscherintegration in der Klimachronik.

Es gibt trotzdem keine magische Schwelle, an der bei genau 2,0 °C plötzlich alles umkippt. Viele Risiken steigen Schritt für Schritt. Manche Entwicklungen können allerdings bei bestimmten Bedingungen dauerhaft werden. Der Fachbegriff dafür lautet Kipppunkt; die genaue Temperaturgrenze ist nicht für jedes System bekannt.

Wo stehen wir?

Sind die 1,5 °C schon überschritten?

2024 lag die globale Durchschnittstemperatur laut Weltorganisation für Meteorologie (WMO) bei rund 1,55 °C über 1850-1900. Im Jahr 2025 waren es etwa 1,43 °C. Wie passt das zum 1,5°-Ziel?

Ein einzelnes Jahr ist noch kein langfristiger Klimadurchschnitt. Natürliche Schwankungen, etwa El Niño und La Niña, bewegen die Temperatur kurzfristig nach oben oder unten. Das Pariser Ziel wird deshalb üblicherweise anhand einer längerfristigen Erwärmung eingeordnet, nicht mit dem Wert eines einzigen Jahres.

In wissenschaftlichen Analysen werden dafür zum Beispiel 20-jährige Zeiträume verwendet. Das Abkommen selbst schreibt allerdings kein einziges verbindliches Rechenverfahren vor. Ein Jahr über 1,5 °C bedeutet also nicht automatisch, dass die langfristige Marke endgültig überschritten ist. Es zeigt aber, wie nahe wir inzwischen daran liegen.

Was sagt die aktuelle Forschung über die Zukunft?

Der UNEP Emissions Gap Report 2026 geht davon aus, dass die langfristige 1,5°-Marke voraussichtlich vorübergehend überschritten wird. Werden die derzeitigen politischen Maßnahmen fortgeführt, könnte die globale Erwärmung im Laufe dieses Jahrhunderts etwa 2,8 °C erreichen und danach weiter steigen. Bei vollständiger Umsetzung der angekündigten nationalen Klimabeiträge und Fortsetzung vergleichbarer Anstrengungen liegt die Projektion bei etwa 2,6 °C.

Das sind keine feststehenden Temperaturen für das Jahr 2100. Es sind Projektionen: wissenschaftliche Berechnungen unter bestimmten Annahmen darüber, was künftig ausgestoßen und umgesetzt wird.

Auch eine spätere Rückkehr unter 1,5 °C wird untersucht. Dazu müssten die Treibhausgasemissionen sehr stark sinken und langfristig zusätzlich CO₂ aus der Atmosphäre entfernt werden. Aber selbst wenn die Temperatur wieder abnimmt, verschwinden nicht automatisch alle Folgen der Erwärmung. Ein bereits verlorener Gletscher wächst nicht einfach im nächsten Jahrzehnt zurück.

Zum Schluss

Persönliche Einordnung

Die 1,5 °C sind weder eine Temperaturvorhersage noch eine magische Grenze zwischen harmlos und gefährlich. Sie sind ein gemeinsam vereinbartes Ziel. Die Daten zeigen, warum es einen Unterschied macht, ob die Erwärmung bei 1,5, 2 oder noch mehr °C liegt. Und warum auch jedes Zehntelgrad darüber hinaus zählt.

Ich finde es faszinierend, wie viel wir heute über die Entwicklung unseres Klimas wissen, obwohl ein Teil der Daten noch aus alten Wetterbüchern und Schiffslogbüchern stammt. Gleichzeitig macht es mich nachdenklich, dass wir seit Jahrzehnten über dieses Wissen verfügen und politisch dennoch oft nur sehr zaghaft darauf reagiert wird.

Mir ist natürlich bewusst, wie komplex das Thema ist. Und jeder hat seine eigenen Sorgen und Herausforderungen im Alltag. Das geht mir nicht anders. Wer hat schon die Zeit oder Lust, sich durch umfangreiche wissenschaftliche Berichte zu arbeiten?

Genau deshalb möchte ich mit der Klimachronik die Entwicklungen anhand tatsächlicher Messdaten verständlicher und greifbarer machen. Denn ich glaube, je besser man nachvollziehen kann, was diese Veränderungen für das eigene Leben bedeuten und in Zukunft noch bedeuten könnten, desto eher entwickelt man auch ein Bewusstsein dafür. Nicht durch Angst oder Dramatisierung, sondern indem man versteht, worum es eigentlich geht.

Zum Nachlesen

Quellen und weiterführende Seiten

Veröffentlicht:26.10.2026